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ZYTOGENETIK
Abweichungen vom Chromosomensatz werden als Chromosomenstörungen (sog. Chromosomenanomalien) bezeichnet. Man unterscheidet zwischen numerischen und strukturellen Chromosomenanomalien. Bei numerischen Chromosomenanomalien ist die Anzahl einzelner Chromosomen (oder des ganzen Chromosomensatzes verändert). Bei strukturellen Chromosomenanomalien finden Umbauten innerhalb eines Chromosoms oder zwischen verschiedenen Chromosomen statt.
Chromosomenanomalien treten beim Menschen relativ häufig auf und wurden beispielsweise bei ca. 0,5-1% aller Lebendgeborenen festgestellt. Sie können unterschiedliche Auswirkungen auf die Betroffenen haben. Einige Chromosomenanomalien haben keine Konsequenz für die Gesundheit der Betroffenen, während andere Chromosomenanomalien mit klinischen Manifestationen einhergehen und daher einen Krankheitswert haben. Daneben gibt es Chromosomenanomalien, die zwar keine klinische Bedeutung für die Betroffenen haben, aber ein erhöhtes Risiko für Krankheitsmanifestationen bei den Nachkommen darstellen können.

Chromosomenanomalien sind für eine große Anzahl humangenetischer Krankheitsbilder verantwortlich (Beispiele siehe Infobox). Patienten mit Chromosomenanomalien können unterschiedliche klinische Merkmale aufweisen. Dies können Dysmorphiezeichen, Entwicklungsstörung, mentale Retardierung, Organfehlbildungen, Skelettfehlbildungen und/oder Wachstumsstörungen in unterschiedlichen Schweregraden sein. Häufig treten einzelne dieser klinischen Merkmale in charakteristischer Weise kombiniert als sog. Fehlbildungs- bzw. Dysmorphiesyndrome in Erscheinung.

Um die verschiedenen genetischen Konstellationen mit den eventuell einhergehenden Krankheitsbildern zu identifizieren, bietet die Zytogenetik unterschiedliche Untersuchungen, die je nach Fragestellung und zur Verfügung stehendem Material angewandt werden können.

Klassische Zytogenetik

Die Untersuchungen der klassischen Zytogenetik sind vornehmlich lichtmikroskopisch durchgeführte Chromosomenanalysen, die Veränderungen einer Größe von 5 Mb erkennen. Die Chromosomenanalyse wird an kernhaltigen, vitalen Zellen wie Lymphozyten aus peripherem Blut (routinemäßig Heparin-Blutprobe) oder Fibroblasten (Fruchtwasserzellen, Chorion- bzw. Plazentazotten, Hautbiopsien, Abortmaterial) durchgeführt. Nach Kultivierung dieser Zellen werden diese in der sog. Metaphase künstlich arretiert. In dieser Stufe des Zellzykluses liegen die Chromosomen stark kondensiert vor, so dass sie als einzelne Strukturen sichtbar sind und nach Anfärbung ein spezifisches Bandenmuster ergeben. Dadurch können die Chromosomen des Menschen (normaler, humaner Karyotyp = 46 Chromosomen) analysiert werden. Abweichungen von der normalen Anzahl und der Struktur der Chromosomen können so bestimmt werden. Richtlinien bietet die internationale Zytogenetik-Nomenklatur (ISCN).

Die Chromosomenanalyse ist ein wichtiger Bestandteil der klinischen Diagnostik und sollte in aller Regel in eine
genetische Beratung eingebunden sein. Somit können vor Durchführung der Analyse Möglichkeiten und Grenzen der Untersuchung erläutert werden und anschließend die Befundmitteilung in einem geeigneten Rahmen erfolgen.

Molekulare Zytogenetik
Als Spezialgebiet der Zytogenetik etablierte sich die molekulare Zytogenetik, die den Vorteil einer höheren Auflösung im Vergleich zur klassischen Zytogenetik hat. Strukturanomalien, die nur zu einer winzigen Veränderung führen, können hier erfasst werden. Eine wichtige Technik der molekular-zytogenetischen Diagnostik stellt die Fluoreszenz in situ Hybridisierung (FISH) dar. Diese Methode bietet sich an, wenn die zu untersuchende Region der DNA bekannt ist und gezielt eine spezifische, fluoreszenz-markierte Sonde auf den komplementären DNA-Strang hybridisiert werden kann. Eine klinisch relevante Einsatzmöglichkeit ist die Analyse von strukturellen Chromosomenanomalien, die nicht durch eine klassische Chromosomenanalyse erkennbar sind wie z. B. Mikrodeletionen (siehe Infobox).

Außerdem kann die FISH bei Fragestellungen nach numerischen Veränderungen an unkultiviertem Untersuchungsmaterial angewendet werden. Hier werden chromosomenspezifische Sonden direkt auf die Zellkerne hybridisiert, so dass ein Untersuchungsergebnis nach wenigen Stunden vorliegen kann.

Eine neue Entwicklung im Bereich der molekularen Zytogenetik ist die Array-CGH (komparative genomische Hybridisierung auf einem Chip). Die CGH ermöglicht eine umfassende Analyse des gesamten Genoms auf kleinste Veränderungen mit sehr hoher Auflösung. Die Array-CGH ist auch mit geringsten DNA?Mengen als Ausgangsmaterial durchführbar.

Krankheitsbild            
 Leitsymptome                                                  
Chromosomen- 
anomalie            
Beispiele: Numerische Anomalien 
Down-Syndrom          
Mentale Retardierung; Herzfehler; Fehlbildungen des Darms; Muskelhypotonie; leicht schräg aufwärts laufende Lidachsen, sog. Brushfield-Irisflecken, Epikanthusfalten, kleiner Augenabstand, flaches Gesichtsprofil, schmaler hoher Gaumen, abgeflachter Hinterkopf; Vierfingerfurche, Klinodaktylie, breite Hände mit kurzen Fingern; unterdurchschnittliche Körpergröße
Trisomie 21
Pätau-Syndrom
Vorgeburtliche Entwicklungsstörung;
schwere Organfehlbildungen (Herz, Niere, Magen-Darm-Trakt), schwere psychomotorische Retardierung; Mikrozephalie; Fehlbildung des Gehirns (Holoprosenzephalie); Extremitäten-fehlbildungen (Sechsfingrigkeit), verformte Ohrmuscheln, tiefer Ohransatz; Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, Mikrophthalmie
Trisomie 13
Edwards-Syndrom
Schwere Organfehlbildungen (Herz, Nieren, Magen-Darm-Trakt, Gehirn); schwere psychomotorische Retardierung; Deformitäten der Finger und Füße; Mikrozephalie, ausladender Schädel; Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, kleiner Mund, enge Augenlidspalten
Trisomie 18
Klinefelter-Syndrom
Überdurchschnittliche Erwachsenengröße; kleine Hoden, Infertilität; femininer Körperbau, verminderter Bartwuchs, leichte Intelligenzminderung
47,XXY
(48,XXXY; 49,XXXXY)        
Turner-Syndrom
Bei Geburt Lymphödeme an Händen und Füßen, tiefer Nackenhaaransatz, breiter Thorax, vermindertes Wachstum, Herzfehler (häufig), Ovarialdysgenesie (Eierstockfehlentwicklung), keine oder nur spärlich Eizellen
45,X0
   
Beispiele: Mikrodeletionssyndrome
Williams-Beuren-Syndrom                 
Herzfehler; milde mentale Retardierung; mäßige Entwicklungsverzögerung; Kleinwuchs, typische Verhaltensweisen (kontaktfreudig, freundlich, extrovertiert, sprachgewandt, musikalisch begabt); tiefe Stimme; volle Lippen und Wangen, kleines Kinn, vorstehende Augen mit blauer Iris
Mikrodeletion 7q11.23
Prader-Willi-Syndrom
Milde mentale Retardierung, mäßige Wachstumsretardierung; unersättlicher Appetit und Adipositas (Übergewicht); Muskelhypotonie; mandelförmige Augen, dreieckiger Mund, schmale Stirn
Mikrodeletion 15q11?q13 im väterlichen Chromosom
DiGeorge-Syndrom
Herzfehler; Entwicklungsverzögerung; milde mentale Retardierung; weiter Augenabstand, flache Nase, zurückverlagerter Unterkiefer
Mikrodeletion 22q11.2
Smith-Magenis-Syndrom
Mäßige Entwicklungsverzögerung; Hyperaktivität; autoaggressives Verhalten; prominente Stirn, Mittelgesichtshypoplasie, breite Nasenwurzel
Mikrodeletion 17p11.2
Miller-Dieker-Syndrom
Lissenzephalie (frühembryonale Entwicklungsstörung der Großhirnrinde); schwere Entwicklungsverzögerung; Krampfanfälle; Fütterungsschwierigkeiten; Mikrozephalie, kurze Nase, bogenförmige Oberlippe
Mikrodeletion 5p15.2

Die zytogenetischen Untersuchungen werden weiterhin unterteilt in prä- und postnatale Diagnostik.

Pränatale Chromosomendiagnostik

Bei dem Großteil aller Geburten kommen gesunde Kinder auf die Welt. Besteht bei einer Schwangerschaft jedoch ein erhöhtes Risiko für eine Behinderung oder gesundheitliche Störung des ungeborenen Kindes, kann nach Absprache mit dem behandelnden Gynäkologen eine vorgeburtliche (=pränatale) Untersuchung in Betracht gezogen werden. Mögliche Indikationen können sein:

  • Hinweis auf eine chromosomale Störung aufgrund eines auffälligen Ultraschallbefundes oder Serumscreenings

  • Erhöhtes mütterliches Alter und ein damit einhergehendes erhöhtes Risiko einer Trisomie

  • Bekannte familiäre Chromosomenstörung wie z. B. eine balancierte Translokation bei einem Elternteils (meist ohne klinische Symptomatik)

  • Frühere Geburt eines Kindes bzw. Schwangerschaft mit de novo entstandener Chromosomenaberration

  • Psychische Belastung der Schwangeren aufgrund erhöhter Sorge um eine mögliche chromosomale Veränderung des ungeborenen Kindes

Die Chromosomenanalyse kann, abhängig von der spezifischen Fragestellung und dem Untersuchungszeitpunkt an den folgenden Zellmaterialien durchgeführt werden:

  • Fruchtwasser (Amnionzellen),
  • Chorionzotten
  • Nabelschnurblut.


Ergänzend zu der klassischen Chromosomenanalyse an Fruchtwasserzellen oder Chorionzotten kann ein sog. „FISH-Schnelltest“ in Anspruch genommen werden. Hier besteht die Möglichkeit, innerhalb eines Tages ein Ergebnis über die Trisomien der Chromosomen 13, 18 und 21 als häufigste Chromosomenstörungen zu erhalten.

Aufgrund des invasiven Eingriffs zur Probenentnahme für eine pränatale Chromosomendiagnostik besteht ein geringes Risiko für eine Fehlgeburt. Zur Aufklärung der Patientin vor dem Hintergrund ihrer individuellen Situation und der Risiken hinsichtlich des invasiven Eingriffs zur Probengewinnung für die pränatale Diagnostik empfiehlt sich daher eine genetische Beratung.


Postnatale Chromosomendiagnostik
Mit der postnatalen zytogenetischen Diagnostik wird abgeklärt, ob eine chromosomale Anomalie ursächlich für einen vorliegenden klinischen Phänotyp ist. Chromosomale Anomalien sind für 0,5-1% aller angeborenen Fehlbildungen verantwortlich.

Die postnatale Chromosomendiagnostik umfasst die Untersuchung von kultivierten Lymphozyten aus peripherem Blut (oder Abortgewebe und Hautbiopsien) bei folgenden Indikationen:

  • Neugeborene mit angeborenen Fehlbildungen
  • V. a. chromosomales Syndrom (z. B. Down-, Prader-Willi-Syndrom)
  • Unklare mentale Retardierung, Entwicklungsretardierung oder Verhaltensauffälligkeiten
  • Familienmitglieder von Personen mit strukturellen Chromosomenanomalien
  • Neugeborene mit Hypospadie oder intersexuellem Genitale
  • Frauen mit primärer bzw. sekundärer Amenorrhoe oder prämaturer Menopause
  • Männer mit Azoo- oder Oligozoospermie
  • Fehlbildungen der Geschlechtsorgane oder Männer mit kleinen Testes und/oder Gynäkomastie
  • Paare mit unerfülltem Kinderwunsch nach Abklärung anderer Ursachen
  • Paare mit habituellen Aborten (wiederholten Fehlgeburten) ungeklärter Ursache
  • Diagnose, Stadieneinteilung, Behandlung und Prognose von Krebserkrankungen (Untersuchung von Knochenmark und Tumorgewebe; nur nach Absprache)


Kontakt:

Für weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Dr. phil. nat. Nikola Holtkamp Tel. 030-77001-189 email: nholtkamp@imd-berlin.de  
Mandy Koch, M. Sc. Tel. 030-77001-138 email: mkoch@imd-berlin.de  


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