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Erbliche Tumorerkrankungen

Erbliche Tumorerkrankungen machen ungefähr 5% aller Tumorerkrankungen aus. Bisher wurden mehr als 20 verschiedene erbliche Tumorerkrankungen beschrieben, welche häufig ein charakteristisches Tumorspektrum aufweisen. Für zahlreiche erbliche Tumorerkrankungen ist der genetische Defekt bekannt, so dass eine molekulare Diagnostik möglich ist.

Um die Indikation für eine molekulare Diagnostik zu stellen, wurden für viele erbliche Tumorerkrankungen klinische Kriterien festgelegt, die sich im ärztlichen Gespräch mit gezielten Fragen und Untersuchungen überprüfen lassen. Es ist wichtig, Patienten mit einer erblichen Tumorerkrankung zu erkennen, da Sie - im Unterschied zu Patienten mit sporadischen Tumoren - eine besondere Behandlung und Nachbetreuung benötigen. Neben der Diagnosesicherung bei Erkrankten ermöglicht die Kenntnis des genetischen Defektes, d. h. der krankheitsverursachenden Mutation, in der Familie die Identifizierung von Familienangehörigen mit geerbter Mutation (sog. Anlageträger). Anlageträger haben ein hohes Risiko, bereits in jungem Lebensalter und wiederholt an für die Krankheit typischen Tumoren zu erkranken, und sollten daher frühzeitig an speziellen Früherkennungsprogrammen teilnehmen.
Durch eine sog. prädiktive (= präsymptomatische) Diagnostik ist es möglich, Risikopersonen in einer Familie hinsichtlich ihrer möglichen Anlageträgerschaft bzw. Nicht-Anlageträgerschaft zu untersuchen. Eine erbliche Tumorerkrankung liegt vor, wenn eine Person aufgrund eines ererbten genetischen Defektes ein erhöhtes oder sogar hohes Risiko für die Entstehung bestimmter Tumore hat.
Bei den meisten erblichen Tumorerkrankungen ist das erhöhte oder hohe Krebsrisiko verursacht durch eine Mutation einer einzelnen Erbanlage (Gen), die bereits in der Samen- oder Eizelle vorhanden ist und sich daher später in jeder Körperzelle findet; man spricht daher von ‚Keimbahnmutationen’. Zur Entartung von Zellen und zur Tumorentstehung kommt es dann, wenn in einzelnen Körperzellen weitere, sog. ‚somatische’ Mutationen auftreten.

Die mit erblichen Tumorerkrankungen in Zusammenhang stehenden Gene üben meist Funktionen im Zellzyklus oder bei DNA-Reparaturmechanismen aus. Die Mehrzahl der erblichen Tumorerkrankungen wird autosomal-dominant vererbt. Für Nachkommen eines betroffenen Elternteils beträgt daher das Risiko 50%, die genetische Prädisposition zu erben. Weitere erstgradig Verwandte (Geschwister, Eltern von Betroffenen) haben ebenfalls ein Risiko von 50%, die Mutation zu tragen. Es ist wichtig zu wissen, dass auch innerhalb einer Familie die Ausprägung der Krankheit, der Schweregrad und der Beginn bei den Betroffenen erheblich variieren können. Bei einigen erblichen Tumorerkrankungen, wie beispielsweise der Neurofibromatose Typ I, werden Personen als einzige Betroffene in einer Familie beobachtet, sog. sporadische Fälle. Hierbei handelt es sich um Mutationen, die erstmals in den Keimzellen der Eltern oder beim Patienten in einem frühen embryonalen Entwicklungsstadium neu aufgetreten sind (sog. Neumutationen). Es ist also prinzipiell möglich, dass gesunde Eltern, die keine Mutation tragen, Kinder mit einer autosomal-dominanten Erkrankung bekommen.
Bei manchen erblichen Tumorerkrankungen ist eine Diagnosestellung aufgrund charakteristischer Befunde möglich, zum Beispiel wenn es sich um einen Tumor handelt, dessen sporadische Variante nur selten beobachtet wird, wie das medulläre Schilddrüsenkarzinom, oder aufgrund eines typischen endoskopischen Befundes bei familiärer adenomatöser Polyposis (FAP). In vielen Fällen jedoch ist die Diagnosestellung erschwert.

Die folgenden klinischen Merkmale und Besonderheiten können wichtige Hinweise für das Vorliegen einer erblichen Tumorerkrankung geben:

  • Familiäre Häufung
  • Frühes Manifestationsalter
  • Verschiedene Primärtumoren (Tumorspektrum)
  • Auftreten mehrerer Tumoren bei einer Person (gleichzeitig oder nacheinander)
  • Bilaterales Auftreten von Tumoren bei einer Person
  • Assoziierte Fehlbildungen

Wenn die Indikation für eine molekulargenetische Diagnostik gestellt wurde, können molekulargenetische Untersuchungen für die in der folgenden Tabelle aufgeführten erblichen Tumorerkrankungen am IMD durchgeführt werden:

Tabelle: Erbliche Tumorerkrankungen – Leistungsspektrum am IMD

Erbliche TumorerkankungGenTumorspektrum
Familiäre adenomatöse Polyposis (FAP)


APCMultiple kolorektale Adenome (Polypen); Kolonkarzinom; Tumore des oberen Gastrointestinaltraktes; Osteom; Desmoid; andere Tumore; Zahn- /Kieferanomalien; Epidermoidzysten; Pigmentanomalie der Netzhaut (CHRPE)
Familiärer Brust- und Eierstockkrebs (BRCA)BRCA1, BRCA2, RAD51CMamma-, Ovarial- und Prostatakarzinom

Hereditäres diffuses Magenkarzinom

CDH1

Diffuses Magenkarzinom (bzw. Siegelringkarzinom); lobuläres Mammakarzinom
Li-Fraumeni-Syndrom


TP53


Breites Tumorspektrum: u. a. Sarkome; Tumore der Nebenniere; Brustkrebs; Lungenkrebs; Leukämien und ZNS-Tumore
Von Hippel-Lindau-Syndrom

VHL

Hämangioblastome des ZNS; Nieren- und Pankreaszysten; Nierenzellkarzinom
Multiple Endokrine Neoplasie Typ 2A (MEN2A)/ Familiäres Medulläres Schilddrüsenkarzinom (FMTC)RET


Medulläres Schilddrüsenkarzinom; Phäochromozytom; Hyperplasie bzw. Adenom der Nebenschilddrüse

Multiple Endokrine Neoplasie Typ 2B (MEN2B)

RET


Medulläres Schilddrüsenkarzinom; Phäochromozytom; Schleimhautneurome;  intestinale Ganglioneuromatose; marfanoider Habitus
Familiäres Phäochromozytom- Paragangliom-Syndrom (PGL)

SDHD, SDHB, SDHCPhäochromozytom; Paragangliom