Im Interview spricht Allergie-Expertin Dr. Anna Klaus über die Vererbbarkeit von Allergien, das Prinzip des „Etagenwechsels“ und wie Sie Ihrem Kind erklären können, was eine Allergie ist.

Das Interview von Dr. Anna Klaus finden Sie in gedruckter Form in unserer Patientenzeitung "Kurz & Lab".  (PDF-DOKUMENT)
 

WIE WÜRDEN SIE EINEM ZEHNJÄHRIGEN KIND ERKLÄREN, WAS EINE ALLERGIE IST?

Unser Körper verfügt über ein Verteidigungssystem, wir nennen es Immunsystem, dazu gehören ganz viele Zellen, die man mit Soldaten vergleichen kann, die ein Land verteidigen. Diese Zellen achten darauf, dass krankmachende Stoffe, wie zum Beispiel Erkältungs-Viren, bekämpft und möglichst schnell aus dem Körper entfernt werden können. Schnupfen dient z. B. dazu, die Viren aus dem Körper zu transportieren.

Jeden Tag muss das Immunsystem entscheiden, was für uns gefährlich ist und bekämpft werden soll und was harmlos oder sogar gut für uns ist, wie zum Beispiel bestimmte Nahrungsmittel. Bei einer Allergie macht das Immunsystem einen Fehler: Es hält plötzlich die Haselnuss oder die Pflanzenpollen für genauso gefährlich wie einen Virus und kämpft gegen diese Stoffe mit allen Mitteln an. Daher kommt es bei einer Pollenallergie zu ähnlichen Beschwerden wie bei einem Virus: Man fühlt sich krank und müde, die Nase läuft, die Augen brennen, man muss husten.

KANN EINE ALLERGIE AUCH EINFACH WIEDER VERSCHWINDEN?

Ja, bestimmte Allergien können mit zunehmendem Alter verschwinden, andere können dann auch erst auftreten. Die bekanntesten Beispiele für Allergien, die mit zunehmendem Alter verschwinden, sind die Ei- und Milchallergie, die im Kindesalter auftreten. Hier kommt es häufig zu einer Art „Gewöhnungseffekt“, einer sogenannten Toleranzinduktion. Im Gegensatz dazu bestehen jedoch Erdnussallergien meist ein Leben lang. Die Mechanismen, die dazu führen, dass es bei einigen Allergien zu einer Toleranzentwicklung kommt und bei anderen nicht, haben wir noch nicht vollkommen verstanden

Ist die Neigung zu Allergien erblich? Können psychische Ursachen eine Rolle spielen?

Ja, Allergien werden durchaus vererbt. Wir wissen heute, dass Kinder, von denen ein Elternteil eine Allergie hat, ein 20-prozentiges Risiko haben, ebenfalls eine Allergie zu entwickeln. Dieses Risiko steigt auf 50 Prozent, wenn beide Elternteile Allergiker sind. Allerdings gibt es nicht das eine Gen, welches mit Allergien in Verbindung gebracht werden kann, sondern verschiedene. Insgesamt gehen Wissenschaftler heute davon aus, dass die genetische Veranlagung im Vergleich zu Umweltfaktoren eine untergeordnete Rolle spielt.

Zu den Umweltfaktoren könnte man dann auch psychische Ursachen wie chronischen Stress hinzuzählen, um diesen Punkt aufzugreifen. Heute ist bekannt, dass chronischer Stress ähnliche Mechanismen im Immunsystem aktiviert (die sogenannte „TH2-Aktivierung“) wie Allergien. Es gibt einige Studien, die nahe legen, dass Kinder ein erhöhtes Allergierisiko haben, wenn die Mütter in der Schwangerschaft unter besonderem Stress standen, aber das ist noch nicht endgültig belegt. Bei bestehender Allergie kann chronischer Stress jedoch zu einer Verschlimmerung der Symptome (z. B. Neurodermitis) und zu einer schlechteren Kontrolle der Beschwerden (z. B. bei Asthma) führen. Es gibt in diesem Zusammenhang auch erste Ansätze, Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen mit in eine Allergie-Therapie zu integrieren.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass in Studien zu Hyposensibilisierungen bei Allergien immer sehr starke Placeboeffekte beobachtet werden. Ein Placeboeffekt ist eine beobachtete positive Wirkung in einer experimentellen Studie, obwohl die Studienteilnehmer in einer sogenannten Kontrollgruppe gar keine Behandlung erfahren haben und beispielsweise ein Medikament ohne jeden Wirkstoff erhielten. Bis zu 30 bis 50 Prozent der Patienten, die statt des eigentlichen Medikamentes nur ein Placebo erhalten, verspüren ebenfalls eine bedeutsame Linderung ihrer Symptome. Das ist ein aufschlussreicher Hinweis auf den Einfluss unserer Psyche auf das Immunsystem im Zusammenhang mit Allergien.

Können Eltern etwas dafür tun, dass Ihre Kinder keine Allergien entwickeln?

Das ist eine sehr wichtige und interessante Frage, die Allergologen aktuell weltweit umtreibt. Hier wissen wir, dass diverse Umweltfaktoren zu einem erhöhten Risiko führen. Dazu gehört aktives sowie passives Rauchen in der Schwangerschaft, Luftverschmutzung, Entbindung per Kaiserschnitt, aber auch frühe Antibiotika-Gaben und zu häufiges Waschen im Säuglingsalter. Der Grund dafür ist, dass all diese Faktoren unser Mikrobiom - vor allem im Darm, aber auch auf Haut und in der Lunge - negativ beeinflussen. Das Mikrobiom ist die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in und auf uns leben. Wir wissen heute, dass das Darmmikrobiom in sehr enger Kommunikation mit unserem Immunsystem zusammenarbeitet, um Toleranzen gegenüber harmlosen Umweltstoffen aufrechtzuerhalten.

Faktoren, die unser Mikrobiom positiv beeinflussen, wirken sich somit auch schützend in Bezug auf Allergien aus. Zu diesen schützenden Faktoren gehören: Das Leben auf einem traditionellen Bauernhof und das Trinken von Rohmilch, die nicht pasteurisiert ist, Kontakt zu älteren Geschwistern, Umgang mit Hunden. Zudem wirkt es sich positiv aus, wenn das Kind gestillt wurde. Die Ernährung sollte außerdem reich an Ballaststoffen sein.

Die Rolle von Vitamin D ist umstritten. Allergiker weisen häufig einen Vitamin-D-Mangel auf und auch ein Vitamin-D-Mangel in der Schwangerschaft hängt mit einem erhöhten Allergierisiko zusammen. Allerdings kann zu viel Vitamin D auch entzündungsfördernd wirken. Deshalb ist eine Zuführung von Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel „auf Verdacht“ nicht empfehlenswert.

Von den Empfehlungen, Säuglingen Beikost erst ab dem sechsten Monat zu geben, ist man wieder abgekommen: Babys, die schon ab dem dritten oder vierten Lebensmonat an Nahrungsmittel gewöhnt werden, scheinen besser gegen Allergien gewappnet zu sein.

Zusammengefasst würde ich Folgendes sagen: Schwangere sollten auf eine ausgewogene Ernährung achten: pflanzenbasiert und reich an Omega-3-Fettsäuren. Nicht rauchen. Kinder früh am Familientisch mitessen lassen und auch hier auf eine gesunde Ernährung achten. Wo es geht, Vollkornprodukte bevorzugen. Fertigprodukte, die meist reich an entzündungsfördernden Omega-6-Fettsäuren, Transfetten, Farb-, Konservierungsstoffen und Zucker sind, so wenig wie möglich anbieten. Nicht zu häufig baden. Frühen Kontakt zu anderen Kindern ermöglichen

Warum bekommen manche Menschen erst im mittleren Erwachsenalter eine Allergie und reagieren heftig auf Substanzen, die sie früher gut vertragen haben?

Eine Allergie kann in jedem Alter auftreten. Das Risiko steigt, wenn Betreffende häufig und lang einem Allergen ausgesetzt sind. Das beobachten wir häufig bei den berufsbedingten Allergien. Das sind beispielsweise das Bäcker-Asthma, eine Allergie auf Mehlstäube oder die allergischen Hauterkrankungen bei Friseuren. Zum anderen wissen wir, dass unser Immunsystem mit zunehmendem Alter anfälliger wird. Das liegt sicherlich zum einen an den verschiedenen Umweltfaktoren wie chronischer Stress oder Umweltschadstoffe, die das System täglich beschäftigen. Zum anderen kann es auch passieren, dass ein Infekt das Immunsystem sehr herausfordert. Ist es in besondere Alarmstellung versetzt, kann es beginnen, einen eigentlich harmlosen Stoff als bedrohlich wahrzunehmen.

Lassen Sie uns einen Blick auf die Trends in der Allergie-Diagnostik werfen, dabei taucht der Alex-Test auf. Was verbirgt sich dahinter?

Das Alex-IgE-Allergenprofil ist der aktuell umfangreichste Screening-Test für IgE-vermittelte Allergien. Das heißt für Allergien, deren Auslöser diese Antikörper im menschlichen Körper sind. Hier sind 295 Allergene aus ganz unterschiedlichen Quellen - Pollen, Schimmelpilze, Milben, Nahrungsmittel, Tiergewebe - auf einem Chip aufgebracht. Das erlaubt die Untersuchung von all diesen potenziellen Allergie-Auslösern in nur einer Probe. Somit eignet sich dieser Test besonders, wenn der mögliche Auslöser unbekannt oder viele verschiedene Auslöser vermutet werden. Für den Alex-Test ist nur eine geringe Menge an Blut des Patienten nötig, somit ist er ebenfalls eine ideale Alternative für Kinder mit klarem Allergieverdacht, da so mehrere Blutentnahmen vermieden und die abgenommene Menge gering gehalten werden können.

Immer wieder ist zu lesen, dass sich Menschen „selbst“ diagnostizieren. Wer plötzlich keine Weizenbrötchen mehr verträgt, glaubt an eine Weizen-Allergie. Ist es wirklich so einfach?

Leider nein. Grade beim Thema Weizen ist es besonders wichtig, bei dem Verdacht einer Unverträglichkeit, sich nicht selbst zu therapieren und Weizen oder Gluten zu meiden. Hier ist neben der Weizenallergie auch an eine autoimmunbedingte Glutenunverträglichkeit, die Zöliakie, zu denken. Patientinnen und Patienten, die an dieser Erkrankung leiden, müssen auch kleinste Spuren von Gluten meiden - und diese kommen nicht nur in Weizen vor. Eine selbstverordnete glutenfreie Diät ist da wahrscheinlich nicht konsequent genug und kann mitunter zu gesundheitlichen Spätfolgen führen. Im Gegensatz dazu ist bei einer Weizenallergie nicht unbedingt Gluten der Auslöser, meist reicht es, Weizen zu meiden. Andere Getreidearten werden jedoch vertragen

Sommerzeit heißt Badezeit – und auch Wespen- und Insektenzeit. Wie kann ich herausfinden, ob ich gegen Insektengifte allergisch bin?

Eine präventive, also vorsorgliche, Diagnostik ist hier nicht empfohlen. Insektengifte sind tatsächlich potenziell gefährliche Substanzen für unseren Körper, so dass eine gewisse immunologische Reaktion nicht ungewöhnlich ist. Bis zu 20 Prozent der deutschen Bevölkerung weisen IgE-Antikörper gegen Bienen- oder Wespengift auf. Sollte es jedoch zu einer massiven Reaktion gekommen sein, sollten Sie Ihren Arzt darauf ansprechen. Dann besteht auch hier die Möglichkeit, IgE-Antikörper gegen diese Insektengifte zu untersuchen

Viele meinen, die Anzahl der von einer Allergie Betroffenen hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch erhöht. Stimmt das?

Hierzu gibt es leider nicht so viele Daten: Es gab von 1997 bis 1999 und 2008 bis 2011 zwei große bundesweite Untersuchungen zur Gesundheit der deutschen Bevölkerung. In diesem Rahmen wurden bei ca. je 7000 Erwachsenen eine Untersuchung von IgE-Antikörpern auf Inhalationsallergene gemacht. In dieser kurzen Zeit ist der Anteil der Betroffenen mit diesem Risikofaktor um knapp vier Prozent gestiegen, was angesichts des kurzen Zeitintervalls schon bemerkenswert ist. Insgesamt kann man sagen, dass dieser als „Prävalenz“ bezeichnete Wert für Allergien über die vergangenen Jahrzehnte oder Jahrhunderte zumindest in so einem Ausmaß angestiegen ist, dass er sich nicht allein auf genetisch bedingte Veränderungen zurückführen lässt, sondern definitiv Umweltfaktoren hier eine entscheidende Rolle spielen müssen

Sind eher Umweltbelastungen oder die Vielzahl von künstlich hergestellten Stoffen in Lebensmitteln dafür verantwortlich?

Es ist sicher ein Zusammenspiel aus allem. In einem besonderen Fokus stehen aktuell, wie schon erwähnt, die Bakterien in unserm Darm. Man weiß noch gar nicht so lange, dass wir eigentlich ganz eng mit ihnen zusammenarbeiten. Unser Mikrobiom wird mittlerweile als eigenständiges Organ angesehen. Viele Dinge in unserer Umwelt beeinflussen dieses Organ: Durch unsere Lebensweise weit ab von Tieren und Mikroben scheint auch die Diversität, also die Vielfältigkeit unseres Mikrobioms, geschrumpft zu sein. Jede Antibiotika-Therapie setzt dem Mikrobiom stark zu. Die sogenannten Ballaststoffe, die lange als unverdaulich galten und von denen wir grade in der westlichen Ernährung viel zu wenig essen, stellen für unser Mikrobiom eine ganz wesentliche Nahrungsquelle dar, aus denen sie anti-entzündliche Stoffe - kurzkettige Fettsäuren - herstellen, die wiederum für unser Immunsystem und die Aufrechterhaltung der Toleranz gegenüber harmlosen Stoffen zwingend notwendig sind. Dem gegenüber ist der häufig übermäßig konsumierte Zucker beispielsweise eine Quelle für Bakterien in unserem Darm, die eher eine entzündungsfördernde Funktion haben.

Ein anderer Punkt ist der mit der Schadstoffbelastung einhergehende „oxidative Stress“, der unser Immunsystem stetig belastet. Die Symptome der Pollenallergiker hängen beispielsweise auch sehr stark mit der Feinstaubbelastung zusammen. Insofern bringen die Folgen von Corona-Lockdowns für viele Pollenallergiker eine spürbare Erleichterung.

Können Allergiefolgen die Gesundheit Betroffener insgesamt schädigen, weil sie das Immunsystem verändern oder eigentlich unbeteiligte Organe angreifen?

Ja, das passiert durchaus: Allergiker sind durch die immer angeschwollene und entzündete Nasenschleimhaut z. B. anfälliger für Entzündungen des Mittelohrs oder der Nasennebenhöhle. Bei chronischer Belastung wie beispielsweise Hausstaubmilben-Allergie besteht das Risiko, Nasenpolypen zu entwickeln. Auch ein sogenannter „Etagenwechsel“ ist möglich. Davon spricht man, wenn sich der Heuschnupfen weiter zu einem Asthma entwickelt. Das betrifft immerhin nach acht Jahren Heuschnupfen etwa 40 Prozent der nicht-behandelten Patienten.

Ist Neurodermitis eine Allergie?

Die Neurodermitis, die auch atopisches Ekzem genannt wird, ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Sie tritt häufig im Zusammenhang mit Allergien auf und wird durch diese ausgelöst oder verschlimmert. Es gibt jedoch auch eine Minderheit Betroffener, bei der kein von außen einwirkender allergischer Auslöser gefunden werden kann. In diesen Fällen liegt eine bestimmte genetische Veranlagung zu Grunde, und es kommt zu auto-immunen Reaktionen. In den allermeisten Fällen ist die Neurodermitis jedoch mit Nahrungsmittel- oder Inhalationsallergien verbunden. Ein Ausschalten der auslösenden Triggerfaktoren führt zu einer Symptomlinderung.

Biochemikerin, Leiterin der Abteilung Allergiediagnostik im Institut für Medizinische Diagnostik Berlin

Wo studiert:

  • 2001 Abitur & Baccalaureat am Französischen Gymnasium Berlin
  • 2003 Vordiplom in Chemie an der Freien Universität Berlin 
  • 2006 Ingenieurdiplom in Biowissenschaften am Institut National des Sciences Appliquées (INSA) Lyon und parallel Master in Struktureller und Funktioneller Biochemie in der Université Claude Bernard Lyon 1 
  • 2010 Doktorarbeit in Zellbiologie an der Universität Joseph Fourier Grenoble I 
  • 2013 Weiterbildung Clinical Trial Management bei Parexel 

Kurze berufliche Vita:

  • 2013-2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Pharmazeutischen Entwicklung bei Berlin-Chemie- MENARINI: Entwicklung von Methoden zur Qualitätskontrolle pharmazeutischer Prüfmedikation für klinische Studien
  • 2015-2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Synevo Central Labs: Klinisches Monitoring, Qualitätsmanagement
  • 2017- heute Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Medizinische Diagnostik Berlin: Abteilungsleitung Allergiediagnostik